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: Gesellschaft :: Mittel zum Zweck :
Ein Grundeinkommen ist selbstverständlich. Klingt utopisch? Der Historiker, Germanist, Autor, Dekumentarfilmer und Hörspielmacher Daniel Weißbrodt hat es trotzdem durchdacht. Nun stellt er sein Buch "Kurzer Abriss der deutschen Geschichte 2022-2050. Wie das bedingungslose Grundeinkommen under Leben und unsere Gesellschaft verändert hat." im Literaturhaus Halle vor

Text: Mathias Schulze; Bild: Daniel Weißbrodt

FRIZZ-Redakteur Mathias Schulze hat mit Daniel Weißbrodt gesprochen.

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Sie wagen einen Blick in die Zukunft, die per se ungewiss ist, und gehen davon aus, dass in Deutschland 2032 ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) eingeführt wird. Ist Ihr Buch im Genre Science-Fiction einzuordnen?

Es handelt sich um eine Wissenschaftsfiktion, um eine fiktive Historiografie einer noch nicht stattgefundenen Epoche, die daher auch alle Merkmale dieses Genres aufweist, mit Fußnoten, Zitaten und einer Beschreibung der Ereignisgeschichte und der sozialen, der Alltags- und der Wirtschaftsgeschichte dieses Zeitraums. Es ist ein möglicher Verlauf unserer Zukunft, die in der Tat offen ist, was wir mit unserem durch unzählige Dystopien verengten Blick aber leider allzu oft vergessen. Zukunft kann in der Tat gestaltet werden, aber dafür braucht es eine Vorstellung von dieser Zukunft, und eine solche Vorstellung versuche ich hier zu entwerfen.

Warum wählen Sie einen Blick aus dem Jahr 2050?

Auch ein bedingungsloses Grundeinkommen verändert die Gesellschaft nicht über Nacht, es bricht auch nicht das Paradies aus, das zu erwarten, wäre naiv. Aber die Abschaffung der existenziellen Armut hat langfristig gravierende Auswirkungen. Gesellschaften mit geringeren sozialen Unterschieden und weniger Armut sind – das kann man im historischen und kultur- bzw. länderübergreifenden Vergleich gut nachweisen – tendenziell friedlicher nach innen und außen. In ihnen sind die sozialen Spannungen geringer, und die Intensität von gesellschaftlichen Konflikten nimmt tendenziell ebenso ab.

Das ist die dem Buch zugrundeliegende Hauptthese. Aber interessant sind für mich die langfristigen Entwicklungen. Wie entwickelt sich eine Generation, für die ein Grundeinkommen so selbstverständlich ist wie für uns heute eine allgemeine Krankenversicherung? Um 2050 treten – wenn 2032 ein BGE eingeführt wird – die ersten Jahrgänge der Generation der Abgesicherten ins berufliche und politische Leben und beginnen die Gesellschaft mitzuprägen. Es war mir wichtig, diesen Prozess ebenso darzustellen.

Denkt man an die Zukunft, denkt man an die Klimakrise, die vielleicht das Thema des bedingungsloses Grundeinkommens schon deswegen torpediert, weil sich die Menschheit bald abgeschafft hat.

„Natürlich können wir auch weitermachen wie bisher. Dann sterben wir in zweihundert Jahren aus, und damit uns nicht langweilig wird bis dahin, versauen wir unsere Umwelt, rotten neunzig Prozent aller Tier- und Pflanzenarten aus, werden depressiv und paranoid und schlagen uns gegenseitig die Schädel ein. Ich weiß ja nicht, wie Sie das sehen, aber ich persönlich hielte das nur für die zweitbeste Idee." Dieses Zitat des fiktiven Kabarettisten Ulrich Otters steht dem Buch nicht ohne Grund voran. Wir haben heute drei große Diskurse, die völlig abgekoppelt voneinander existieren und sich gegenseitig widersprechen: den ökonomischen, den ökologischen und den politisch- gesellschaftlichen Diskurs.

Wir müssen diese drei Diskurse in einer in sich schlüssigen Symbiose miteinander verknüpfen. Dafür brauchen wir ein völlig neues ökonomisches Denken, das in Ansätzen in der pluralen, der feministischen und der Gemeinwohl-Ökonomie ja bereits existiert. Wir müssen zwingend die sozialen und die ökologischen Probleme gemeinsam angehen. Eins ohne das andere wird nicht funktionieren. Das BGE kann ein solches Mittel zum Zweck sein, beides zu erreichen, weil niemand mehr gezwungen sein wird, einer ökologisch schädlichen Erwerbsarbeit nachgehen zu müssen, um zu überleben.

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„Wie entwickelt sich eine Generation, für die ein Grundeinkommen so selbstverständlich ist wie für uns heute eine allgemeine Krankenversicherung?“

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Es gibt auch in linken Kreisen Stimmen, die sich gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen aussprechen. Sie kennen die Argumente?


Durchaus. Nun gibt es in der Ökonomie drei große Strömungen. Die Klassiker und Neoklassiker, die derzeit den Diskurs bestimmen, berufen sich auf Adam Smith, repräsentieren also das 18. Jahrhundert. Man stelle sich vor, heutige Erziehungswissenschaftler hingen völlig unkritisch Jean-Jacques Rousseaus Lehren an und verbäten sich eine Weiterentwicklung und Infragestellung von dessen Erkenntnissen. Die meisten Linken stehen Marx nahe, der im 19. Jahrhundert das ökonomische Denken revolutionierte und wichtige Antworten auf die Fehler und blinden Flecken der Klassiker gab. Für sie ist die Grundfrage die nach dem Eigentum an den Produktionsmitteln.

Die etwas in Vergessenheit geratene, aber äußerst wichtige Schule des 20. Jahrhunderts ist der Keynesianismus, der wiederum Kenntnis von etwas hatte, was Marx noch nicht kennen konnte: Die Steuerung der Wirtschaft und vor allem von Einkommen und Vermögen durch hohe Spitzensteuersätze und einen umverteilenden Sozialstaat. Wir können heute auf gut einhundert Jahre moderner Wirtschafts- und Steuerpolitik zurückblicken. In den USA gab es von 1941–1963 einen Spitzensteuersatz von 90 Prozent. Das waren die goldenen Jahre Amerikas. Und zwar genau aus diesem Grund. Mit dem utopischen Überschuss, der in Ihrem Buch waltet, hätten Sie sich auch an die baldige globale Abschaffung des Kapitalismus wagen können. Das geschieht im Kapitel 11: Resümee und Ausblick.


Daniel Weißbrodt „Kurzer Abriss der deutschen Geschichte 2022–2050", 11. September, Literaturhaus Halle, 19 Uhr, Moderation: Raimund Müller, www.danielweissbrodt.de

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